Sozial benachteiligt – digital abgehängt?

Warum wir genauer hingeschaut haben #

Was passiert, wenn ein Termin beim Bürgeramt nur noch online gebucht werden kann, aber der Laptop fehlt? Wenn Gesundheitsinformationen digital verfügbar sind, aber die Verbindung instabil ist? Oder wenn Bildungsangebote im Netz neue Chancen eröffnen, aber die nötigen Kompetenzen fehlen, um sie sicher zu nutzen?

Solche Fragen zeigen: Digitale Teilhabe ist längst keine Nebensache mehr. Sie entscheidet in vielen Alltagssituationen darüber, wer Zugang zu Informationen, Unterstützung und gesellschaftlichen Chancen erhält und wer außen vor bleibt.

Vor diesem Hintergrund haben wir uns gefragt:

  1. Wie ungleich ist digitale Teilhabe zwischen armutsbetroffenen und nicht von Armut betroffenen Menschen verteilt?

  2. Und welche Gruppen stoßen innerhalb der Armutsbetroffenen auf besonders hohe digitale Hürden?

Dabei verstehen wir digitale Teilhabe nicht als rein technische Frage. Ein Internetanschluss allein reicht nicht aus. Entscheidend sind auch passende Endgeräte, eine stabile Internetverbindung, digitale Kompetenzen, Vertrauen im Umgang mit Technik und institutionelle Rahmenbedingungen, die Nutzung ermöglichen oder erschweren.

Armut stellt dabei einen zentralen Risikofaktor für digitale Ungleichheiten dar. Diese zeigen sich vor allem in drei eng miteinander verbundenen Bereichen: dem Zugang zu digitalen Technologien, der Nutzung digitaler Angebote sowie den digitalen Kompetenzen und den daraus entstehenden Möglichkeiten, tatsächlich von digitalen Angeboten zu profitieren.

Das Projekt wurde im Rahmen des Förderaufrufs „Armutsbekämpfung und Sozialplanung in Nordrhein-Westfalen” des Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen (MAGS) durchgeführt. Ziel war es, belastbare Befunde zur digitalen Ausstattung, zu digitalen Kompetenzen und zu ungedeckten Bedarfen armutsbetroffener Haushalte zu gewinnen. Auf dieser Grundlage wurden Handlungsempfehlungen für mehr digitale Teilhabe entwickelt.

nrw_mags_4c-logo

 

Den vollständigen Bericht finden Sie hier:

Zum Bericht

Wo digitale Ungleichheit sichtbar wird #

Die Ergebnisse zeigen: Ein Internetzugang allein reicht nicht aus. Entscheidend ist, ob digitale Ausstattung im Alltag tatsächlich funktioniert. Armutsbetroffene Haushalte verfügen häufiger über weniger leistungsfähige Verbindungen, ungeeignete Geräte oder eine insgesamt weniger verlässliche digitale Infrastruktur. Dadurch werden vor allem anspruchsvollere Anwendungen erschwert, etwa Online-Lernen, Bewerbungen, Videokonferenzen oder digitale Behördengänge.

Auch die Nutzung digitaler Angebote unterscheidet sich deutlich. Von Armut betroffene Menschen nutzen digitale Dienste insgesamt seltener und weniger vielfältig. Besonders Angebote mit unmittelbarem sozialem Nutzen, etwa digitale Behördendienste, Online-Bildungsangebote oder Gesundheitsinformationen, werden weniger häufig in Anspruch genommen. Damit bleiben wichtige Chancen auf Information, Unterstützung und Teilhabe ungenutzt.

Eine zentrale Rolle spielen dabei digitale Kompetenzen und das Vertrauen in den eigenen Umgang mit Technik. Wer sich im digitalen Raum unsicher fühlt oder nicht über die nötigen Fähigkeiten verfügt, kann vorhandene Angebote oft nur eingeschränkt nutzen. Digitale Teilhabe hängt also nicht nur von Ausstattung ab, sondern auch davon, ob Menschen digitale Möglichkeiten sicher, selbstbestimmt und gewinnbringend einsetzen können.

Auf der Ebene der konkreten Wirkungen zeigt sich schließlich: Digitale Nutzung führt für armutsbetroffene Menschen seltener zu spürbaren Verbesserungen in wichtigen Lebensbereichen wie Bildung, beruflicher Entwicklung, Gesundheitsvorsorge oder politischer Beteiligung. Digitale Angebote können Teilhabe ermöglichen, sie entfalten dieses Potenzial jedoch nicht automatisch.

Besonders ausgeprägt sind digitale Ungleichheiten dort, wo Armut mit weiteren Risikofaktoren zusammentrifft, etwa höherem Alter, niedriger formaler Bildung oder weiblichem Geschlecht. Die digitale Spaltung verläuft daher nicht entlang einer einzigen Linie. Sie ist Teil einer vielschichtigen Struktur sozialer Benachteiligung: Wer bereits in anderen Lebensbereichen weniger Ressourcen hat, stößt auch im digitalen Alltag häufiger auf Hürden.

 

Den vollständigen Bericht finden Sie hier:

Zum Bericht

Team #

Vorträge und Publikationen #

Vorträge

In chronologischer Reihenfolge:

Kehl, H. & Jandura, O. (2026, 6. Februar). Sozial benachteiligt – digital abgehängt? Sekundärdatenanalysen zu digitalen Klüften in NRW. Vortrag auf der Jahrestagung der DGPuK-Fachgruppen Kommunikations- und Medienethik und Medienpädagogik zum Thema "Digitale Teilhabe. Medien als Bedingung von Partizipation und Freiheit?", München.

Jandura, O. (2026, 22. April). Digitale Teilhabe für alle. Vortrag bei dem Austauschformat „Wissenschaft meets KSR“ des Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf.

Peters, J. L., de Haas, H., Kehl, H., & Jandura, O. (2026, 7. Juni). AI for Whom? Intersectional Divides in the Digital Age. Vortrag auf der 76. Jahreskonferenz der International Communication Association, Kapstadt, Südafrika.

Kehl, H. (2026, 11. September). Digital dabei oder außen vor? Armut und digitale Teilhabe in NRW. Vortrag auf der 6. Nacht der Wissenschaft, Düsseldorf.

Publikationen

Kehl, H., Haas, H. de, Peters, J. L. & Jandura, O. (2026). Sozial benachteiligt – digital abgehängt? Eine Sekundärdatenanalyse zu digitalen Klüften in Deutschland. Communicatio Socialis, 59(2), 172–183. https://doi.org/10.5771/0010-3497-2026-2-172