Warum Lokalzeitungen raumsensitiv betrachtet werden müssen
Ein neuer Beitrag von Prof. Dr. Olaf Jandura, Leiter von Communication Research @ HSD, und Hannah Kehl, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsschwerpunkt, ist in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Forum Wohnen und Stadtentwicklung erschienen. Unter dem Titel „Unverzichtbar – gerade dort, wo sie zu verschwinden drohen. Warum Lokalzeitungen raumsensitiv betrachtet werden müssen“ wird untersucht , weshalb der Rückgang lokaler Tageszeitungen nicht in allen Regionen dieselben Folgen hat.
Lokale Informationsversorgung ist räumlich ungleich
Ausgangspunkt des Beitrags ist die anhaltende Krise der regionalen und lokalen Tageszeitungen. Sinkende Auflagen, rückläufige Werbeeinnahmen, zusammengelegte Redaktionen und steigende Zustellkosten gefährden die lokale Berichterstattung. Die demokratischen Folgen dieser Entwicklung lassen sich jedoch nur angemessen beurteilen, wenn die unterschiedlichen Kommunikationsbedingungen vor Ort berücksichtigt werden.
Jandura und Kehl zeigen, dass sich lokale Informationsräume erheblich voneinander unterscheiden. In Großstädten stehen neben der Tageszeitung häufig weitere journalistische Angebote, öffentlich-rechtliche Regionalprogramme, lokale Onlineportale, Stadtmagazine sowie Kommunikationskanäle von Hochschulen, Kulturinstitutionen und zivilgesellschaftlichen Initiativen zur Verfügung. Auch dort können Medienangebote fragmentiert sein und einzelne Bevölkerungsgruppen kaum erreichen. Der Verlust einer Zeitung lässt sich jedoch zumindest teilweise durch andere Informationsquellen auffangen.
Anders stellt sich die Situation in ländlichen, peripheren oder vom Strukturwandel betroffenen Regionen dar. Dort sind professionelle journalistische Alternativen häufig weniger zahlreich. Zugleich spielen traditionelle lokale Medien in den Informationsrepertoires der Bevölkerung weiterhin eine wichtige Rolle. Die im Beitrag abgebildete Karte zur Auflagendichte lokaler Tageszeitungen macht sichtbar, wie ungleich die Versorgung innerhalb Deutschlands verteilt ist. Besonders angespannt ist die Situation in mehreren ostdeutschen sowie altindustriell geprägten Regionen.
Digitale Angebote ersetzen Lokaljournalismus nicht automatisch
Der Beitrag warnt davor, den Rückgang der Lokalzeitungen mit dem Hinweis auf die wachsende Zahl digitaler Informationsangebote zu relativieren. Kommunale Websites, Social-Media-Kanäle, Messenger-Gruppen, Vereinskommunikation oder politische Anzeigenblätter können wichtige Informationen verbreiten. Sie übernehmen jedoch nicht ohne Weiteres die unabhängige Beobachtungs-, Prüfungs- und Einordnungsfunktion des Journalismus.
Lokalzeitungen bündeln unterschiedliche Informationen, überprüfen Aussagen, stellen Konflikte und Interessen gegenüber und übersetzen einzelne Mitteilungen in öffentlich relevante Themen. Diese Leistung ist insbesondere dort von großer Bedeutung, wo die übrige Kommunikationsinfrastruktur schwach ausgeprägt ist. Am Beispiel der thüringischen Stadt Greiz verdeutlichen die Autor:innen zudem, dass ein rein digitaler Weiterbetrieb nicht zwangsläufig alle bisherigen Leser:innen erreicht: Bei der Umstellung gingen 47 Prozent der Abonnements verloren.
Aus den Befunden leiten Jandura und Kehl die Forderung nach einer raumsensitiven Medienpolitik ab. Fördermaßnahmen sollten nicht nach einem einheitlichen Muster vergeben werden, sondern die konkrete Informationsversorgung einer Region berücksichtigen. Entscheidend sei nicht die nostalgische Bewahrung einer bestimmten Mediengattung, sondern die Sicherung gleichwertiger Informationschancen und einer unabhängigen journalistischen Vermittlung vor Ort.
Schwerpunktheft „Lokale Identitäten“
Der Beitrag ist in Heft 4/2026 von Forum Wohnen und Stadtentwicklung erschienen. Die Ausgabe für Juli und August trägt den Schwerpunkt „Lokale Identitäten“ und widmet sich der Frage, welche Kommunikationsstrukturen eine funktionsfähige lokale Demokratie benötigt.
Die Beiträge behandeln unter anderem die Bedeutung lokaler Resonanz- und Begegnungsräume, den Stellenwert verlässlicher Informationen, den digitalen Wandel des Lokaljournalismus, neue Modelle lokaler Kommunikationsplattformen sowie die Auswirkungen von Plattformisierung und künstlicher Intelligenz. Gemeinsamer Ausgangspunkt ist die Diagnose, dass der lokale Kommunikationsraum an Integrationskraft verliert und deshalb als demokratische Infrastruktur neu gedacht werden muss.
Über Forum Wohnen und Stadtentwicklung
Forum Wohnen und Stadtentwicklung ist die Verbandszeitschrift des vhw – Bundesverband für Wohnen und Stadtentwicklung e. V. Sie richtet sich an Akteur:innen aus Kommunen, Wissenschaft, Stadtplanung, Wohnungswirtschaft, Zivilgesellschaft und Politik. Die Zeitschrift verbindet wissenschaftliche Analysen mit Erfahrungen aus der kommunalen und stadtentwicklungspolitischen Praxis.
Jährlich erscheinen sechs Ausgaben, die jeweils einem eigenen Schwerpunktthema gewidmet sind. Die Zeitschrift steht kostenfrei als digitale Ausgabe zur Verfügung. Der vhw versteht sich als Wissensakteur in den Bereichen Wohnen und Stadtentwicklung und möchte wissenschaftliche Erkenntnisse in praxisbezogene und gesellschaftliche Debatten einbringen.
Publikation
Jandura, O., & Kehl, H. (2026). Unverzichtbar – gerade dort, wo sie zu verschwinden drohen. Warum Lokalzeitungen raumsensitiv betrachtet werden müssen. Forum Wohnen und Stadtentwicklung, 4/2026, 183–186.