Polarisierung oder segmentierte Entkopplung?

Olaf Jandura diskutiert in der Leibniz Media Lecture am Hans-Bredow-Institut milieuspezifische Perspektiven auf die Polarisierungsthese

Prof. Dr. Olaf Jandura, Leiter des Forschungsschwerpunkts Communication Research @ HSD (CoRe), hat im Rahmen der Leibniz Media Lecture am Leibniz-Institut für Medienforschung, Hans-Bredow-Institut (HBI), in Hamburg einen Vortrag zur aktuellen Debatte um politische Polarisierung gehalten.

Unter dem Titel „Polarisierung oder segmentierte Entkopplung? Milieuspezifische Perspektiven auf die Polarisierungsthese“ ging er der Frage nach, ob die häufig verwendete Diagnose einer gesellschaftlichen Polarisierung die politischen und kommunikativen Entwicklungen in Deutschland angemessen beschreibt.

Aktuelle Debatte um Polarisierung

Die Leibniz Media Lectures des HBI greifen wissenschaftlich und gesellschaftlich relevante Themen auf. In einem Vortrag mit anschließender Diskussion stellen Forscherinnen und Forscher zentrale Thesen und Forschungsergebnisse zur Debatte.

Die Lecture mit Prof. Dr. Olaf Jandura fand am 30. Juni 2026 hybrid in Hamburg und online statt und wurde vom Hamburger Standort des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ) ausgerichtet.

Ausgangspunkt des Vortrags war die Beobachtung, dass die Gefahren gesellschaftlicher Polarisierung breit diskutiert werden, die empirische Befundlage aber weniger eindeutig ist. Deutschland zerfällt nicht einfach in zwei stabile politische Lager. Gleichzeitig zeigen sich in einzelnen Konfliktfeldern deutliche Zuspitzungen, etwa bei Migration oder Klimapolitik.

Politisch-kommunikative Milieus als differenzierter Blick

Um diese Ambivalenz genauer zu erfassen, verband Jandura die Polarisierungsdebatte mit dem Ansatz der politisch-kommunikativen Milieus. Diese beschreiben gesellschaftliche Gruppen, in denen politische Wertorientierungen, Nähe oder Distanz zur Politik, Partizipationsmuster, Informationsrepertoires und Kommunikationspraktiken systematisch zusammenhängen.

Auf dieser Grundlage lassen sich nicht nur politische Einstellungen untersuchen, sondern auch unterschiedliche Formen der Teilhabe an öffentlicher Kommunikation.

Die zugrunde liegenden Forschungsarbeiten entstehen in enger Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Christiane Eilders vom Center for Advanced Internet Studies (CAIS). Gemeinsam untersuchen Jandura und Eilders, wie sich politisch-kommunikative Milieus verändern und welche Rolle Mediennutzung, politische Einstellungen und gesellschaftliche Wertorientierungen dabei spielen.

Empirische Grundlage: das Düsseldorfer Milieu-Projekt

Empirische Grundlage des Vortrags waren Daten aus dem Düsseldorfer Milieu Projekt. Die drei Befragungswellen der Jahre 2020, 2022 und 2024 zeigen eine deutliche Verschiebung in der Verteilung der Milieus.

Der Anteil integrierter Milieus geht zurück, während abgeschottete Milieus, insbesondere solche mit stärker autoritären oder marktliberal-rechten Orientierungen, an Gewicht gewinnen. Abgekoppelte Milieus bleiben in ihrer Größe vergleichsweise stabil, weisen aber weiterhin eine deutliche Distanz zur politischen Sphäre auf.

Nicht einfache Polarisierung, sondern segmentierte Entkopplung

Anhand ausgewählter Milieus, insbesondere der Kritisch Engagierten, der Marktliberal Rechten und der Autoritätsorientiert wenig Interessierten, zeigte Jandura stabile Unterschiede in zentralen Bereichen:

  • Demokratiezufriedenheit
  • Populismuspotenzial
  • Migrationseinstellungen
  • Links-Rechts-Verortung
  • Medien- und Kommunikationspraktiken

Die Befunde sprechen damit weniger für eine lineare Polarisierung der gesamten Gesellschaft. Sichtbar wird vielmehr eine stabile Heterogenisierung politischer Einstellungen und Kommunikationspraktiken. Jandura beschreibt diese Entwicklung als segmentierte Entkopplung öffentlicher Kommunikation: Integrierende Milieus verlieren an Gewicht, während sich andere Gruppen stärker abschotten oder von politischer Kommunikation abkoppeln.

Bedeutung für die Forschung am CoRe

Für den Forschungsschwerpunkt Communication Research @ HSD ist der Vortrag eng an zentrale Forschungslinien anschlussfähig. Er verbindet politische Kommunikationsforschung, Milieuforschung, Mediennutzung, öffentliche Kommunikation und Fragen demokratischer Integration.

Die Ergebnisse zeigen, wie wichtig eine differenzierte Betrachtung gesellschaftlicher Teilgruppen ist, um Polarisierung, Entkopplung und Veränderungen politischer Öffentlichkeit angemessen zu verstehen.

Die Diskussion im Rahmen der Leibniz Media Lecture machte deutlich, dass die Verbindung von Polarisierungsforschung und Milieuforschung einen wichtigen Beitrag zu aktuellen Debatten über gesellschaftlichen Zusammenhalt, Mediennutzung und demokratische Öffentlichkeit leisten kann.

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Olaf Jandura bei seinem Vortrag im Rahmen der Leibniz Media Lecture am Hans-Bredow-Institut in Hamburg. 

Bild: Lisa Mertens.