Neuer Artikel in Political Communication: Wie stark prägt die politische Haltung von Journalist:innen die Berichterstattung?

Passend zur durch die Bundestagspräsidentin jüngst aktualisierten Debatte um die Linkslastigkeit im öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist in der international renommierten Fachzeitschrift Political Communication ein Journal-Artikel erschienen, der dieser Frage mit einem differenzierten methodischen Design nachgeht: „Do Journalists’ Political Orientations Translate into Partisan News Reporting? The Limits of Bias and the Limits of Counter Mechanisms“ von Andreas A. Riedl, Stefan Geiß, Melanie Magin, Olaf Jandura und Birgit Stark (Open Access)

Worum geht es?

In öffentlichen Debatten steht immer wieder der Vorwurf im Raum, Journalist:innen seien „politisch einseitig“ – und diese persönliche Haltung schlage sich direkt in der Berichterstattung nieder. Der Artikel zeigt: So einfach ist es nicht. Statt einer linearen „Ideologie → Bias“-Logik argumentiert das Team für eine bedingte Übersetzung politischer Orientierungen in Nachrichteninhalte – abhängig von redaktionellen Rahmenbedingungen und professionellen Rollenverständnissen.

Vorgehen: Inhalt + Befragung zusammengeführt

Die Studie kombiniert eine quantitative manuelle Inhaltsanalyse politischer Nachrichten (n = 3.539) mit einer Befragung von Journalist:innen (160 Autor:innen), die einen Teil der analysierten Beiträge verfasst haben. So lässt sich überprüfen, ob und wie sich politische Selbstverortungen von Journalist:innen in den konkreten Nachrichteninhalten wiederfinden.

Gemessen wird dabei auf drei Ebenen:

  • Subjektivität/Neutralität (wie stark wertend oder meinungsbetont wird berichtet?),
  • Parteibezug (welche Parteien kommen als Akteure vor?),
  • Value Frames (welche grundlegenden Werte- und Konfliktperspektiven dominieren?).

Zentrale Befunde: Professionelle Normen und Kontext wirken als Korrektiv

Die Ergebnisse sprechen gegen die Vorstellung, dass ein (im Mittel) eher links verortetes journalistisches Selbstbild automatisch zu entsprechend „linker“ Nachrichtenberichterstattung führt. Stattdessen finden die Autor:innen Hinweise auf Korrekturmechanismen:

  • Politische Orientierung hängt teilweise mit Subjektivität zusammen – aber nicht als pauschaler, durchgängiger Verzerrungsmechanismus.
  • Bei der Parteipräsenz zeigt sich keine einfache ideologische Selektion; teils deutet sich eher eine Gegensteuerung an, um Ausgewogenheit herzustellen.
  • Besonders deutlich wird die Bedeutung des Kontexts bei den Value Frames: Hier hängt der Einfluss politischer Orientierung davon ab, wie viel Autonomie Journalist:innen im Arbeitsalltag wahrnehmen – unter bestimmten Bedingungen zeigt sich eher ein stärkerer Zusammenhang, unter anderen eher eine Art Überkorrektur.

Unterm Strich beschreibt der Artikel das Zusammenspiel aus individueller Haltung, redaktioneller Einbettung und professionellen Normen als sensibles Gleichgewicht, das im dynamischen Nachrichtenumfeld immer wieder neu ausgehandelt wird.

 

Prof. Dr. Olaf Jandura

Prof. Dr. Olaf Jandura
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