ChatGPT als Wahlforscher? KI-Prognosen zur Bundestagswahl 2025 im Praxistest

Vor der außerplanmäßigen Bundestagswahl im Februar 2025 veröffentlichten Umfrageinstitute in ungewöhnlich dichtem Takt neue Zahlen. Zugleich nutzen immer mehr Menschen KI-Chatbots statt Suchmaschinen, um sich zu informieren, auch über aktuelle Wahlumfragen. Doch wie zuverlässig kann ChatGPT Wahlumfragen darstellen?

Dieser Frage gehen Hella de Haas, wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Communication Research @ HSD, und Prof. Dr. Olaf Jandura, Leiter des Forschungsschwerpunkts, gemeinsam mit Jana Leonie Peters, ehemalige wissenschaftliche Mitarbeiterin von CoRe, in ihrem Beitrag „Prognose per Prompt: ChatGPT im Vergleich zu klassischen Umfrageinstituten“ nach. Das Kapitel ist im Sammelband „Die Medien im Wahlkampf. Analysen zur Bundestagswahl 2025“ erschienen, herausgegeben von Stephanie Geise und Melanie Leidecker-Sandmann bei Springer VS.

Worum geht es?

Wahlumfragen prägen, wie Wählerinnen und Wähler die Chancen der Parteien einschätzen. Sie können Wahlbeteiligung und Stimmabgabe beeinflussen, etwa wenn Parteien nahe der Fünfprozenthürde gesehen werden. Wenn Bürger:innen ihre Informationen über Umfragen zunehmend aus Sprachmodellen beziehen, stellt sich die Frage, ob diese Werte die Stimmungslage verlässlich abbilden.

Wie wurde vorgegangen?

Vom 29. Januar bis zum Wahltag am 23. Februar 2025 wurde ChatGPT (Version 4.0) täglich derselbe Prompt gestellt, und zwar parallel auf zwei verschiedenen Endgeräten. Das Modell sollte für alle relevanten Parteien angeben, wie viel Prozent sie bei einer Wahl am kommenden Sonntag erhalten würden, und dabei die Werte der großen Umfrageinstitute sowie die Medienberichterstattung einbeziehen. Die KI-Prognosen wurden anschließend miteinander, mit dem tagesaktuellen Mittel der veröffentlichten Institutsumfragen und mit dem amtlichen Wahlergebnis verglichen.

Was zeigen die Ergebnisse?

  • Oft nah dran, aber mit Schlagseite: Die Werte von ChatGPT lagen häufig nahe am Umfragemittel. Wiederkehrend zeigte sich jedoch eine leichte Überschätzung der CDU/CSU und eine Unterschätzung von Die Linke und AfD.
  • Gleicher Prompt, unterschiedliche Antworten: Die beiden Endgeräte lieferten meist ähnliche Werte, an einzelnen Tagen aber stark abweichende. Die größte Differenz betraf die FDP mit 39 Prozentpunkten.
  • Treffer und Fehlprognosen am Wahltag: Auf einem Gerät lag ChatGPT am Wahltag sehr nah am tatsächlichen Ergebnis. Auf dem anderen wurde die SPD um 15 Prozentpunkte über- und die AfD um 12 Prozentpunkte unterschätzt.
  • Keine Reproduzierbarkeit: Je nach Endgerät, Nutzer:in und Zeitpunkt kann derselbe Prompt zu anderen Prognosen führen. KI-generierte Umfragewerte sind damit nicht verlässlich.
  • Unklare Quellenbasis: Welche Medienberichte in die Antworten einfließen, bleibt intransparent. Die Autor:innen verweisen etwa auf die Kooperation zwischen OpenAI und dem Axel-Springer-Verlag als möglichen Einflussfaktor.

Was folgt daraus?

Generative KI ist nach den Befunden keine belastbare Alternative zur klassischen Demoskopie. Bürger:innen sollten darüber aufgeklärt werden, dass auch ein präzise formulierter Prompt keine verlässlichen Wahlprognosen garantiert. Forschenden empfehlen die Autor:innen, KI-Ausgaben auf mindestens zwei Endgeräten zu erheben und Modellversion sowie Prompt-Formulierung genau zu dokumentieren.

Über das Band

„Die Medien im Wahlkampf“ setzt die traditionsreiche Reihe von Wahlreadern fort, die Christina Holtz-Bacha seit 1990 zu jeder Bundestagswahl herausgegeben hat. Das Band zur Bundestagswahl 2025 versammelt Analysen zu Wahlplakaten und TV-Debatten, zu Wahlkampfstrategien auf Instagram und TikTok sowie zum Einsatz generativer KI im Wahlkampf.

Publikation

de Haas, H., Peters, J. L., & Jandura, O. (2026). Prognose per Prompt: ChatGPT im Vergleich zu klassischen Umfrageinstituten. In S. Geise & M. Leidecker-Sandmann (Hrsg.), Die Medien im Wahlkampf. Analysen zur Bundestagswahl 2025 (S. 445–463). Springer VS. https://doi.org/10.1007/978-3-658-51008-4_15